Führung und Stress

Wenn Sie Führung und Stress genauer anschauen wollen, benötigen Sie mindestens 3 Brillen:

  1. Führungskräfte erleben spezifische Belastungen
  2. Führung heißt auch: Fürsorge-Pflicht
  3. Bin ich Stressor für meine Leute?

Brille 1: Führung und Stress: Unvermeidbar?

Ja. Weil Stress generell unvermeidbar ist. Aber er ist auch nützlich. Es ist, wie immer, eine Frage der Dosierung und des Umgangs damit.

In vertrauensvoller Umgebung – im Gespräch, im gut moderieren Seminar beispielsweise – bestätigen Führungskräfte, dass ihnen manches zu schaffen macht. Verantwortlich sein für die Arbeit anderer. Weitreichende Entscheidungen treffen trotz fehlender Daten. Über Infos verfügen, sie aber nicht weitergeben dürfen. Schnell wechselnde Themen und Verhandlungspartner. Meetings, Mails, Machenschaften. Spannungsfelder zwischen Beruf und Privatleben. Reise- und Arbeitszeiten. Kaum erfüllbare Erwartungen von oben, von unten, von außen. Auch von innen.

Ein Inhaber berichtete: „Ich fahre nie länger als 14 Tage in Urlaub. Weil danach echte Erholung einsetzen und ich mich fragen würde: „Macht das hier alles wirklich Sinn?“ Nun gut, all das erleben andere auch, das ist nicht exklusiv für Manager. Das ändert aber nichts am Thema hier. Die Frage ist wirklich, wirklich gut: „Wozu mache ich das?“ Weil sie auf Ziele, aber auch auf Kollisionen derselben und auf Zwickmühlen hinweisen kann.

Da sind all die Menschen mit ihren Belangen, Gefühlen…“Seit ich Manager bin, verbringe ich 70% meiner Arbeitszeit mit Konfliktlösungen zwischen Menschen.“ Kaum jemand antwortet auf die Frage „Warum wollten Sie Führungskraft werden?“ mit der Aussage: „Weil ich dann heikle Themen zu klären und schwierigste Botschaften zu übermitteln habe.“

Stress der Chefs

Das zehrt, das kostet Kraft.

Brille 2: Führung und Fürsorge

Arbeit muss so organisiert sein, dass Mitarbeiter sie auch erledigen können. Klingt so simpel. Beschreibt Führungsaufgaben, führt schnell zu Organisieren, Entscheiden, Motivieren, Delegieren etc.

Doch wer Chef wird, kauft sich noch etwas ein: Führung beinhaltet auch die Fürsorge-Pflicht. So haben unsere Chefs – oder wir als Chefs – auch darauf zu achten, wie es den Menschen im Team geht. Gemeint sind hier nicht die üblichen Stimmungen samt ihrer Schwankungen. Sondern die ernsteren Themen: Bekomme ich mit, wenn jemand in meinem Verantwortungsbereich krank wird? Weiß ich, wer daheim schlimme Katastrophen erlebt und deshalb vielleicht mehr Fehler macht? Wie gehe ich damit um, dass in jedem Team, also auch in meinem, Menschen mit sehr unterschiedlicher Leistungsfähigkeit arbeiten? Das ist nicht nur eine Frage von Ausbildung, Jugend, Körperkraft oder Intelligenz.

Führung und Stress: Phasen des Burnouts

Was tun und vor allem: wie? Hier ist es ein Verdacht auf Sucht, dort ein keimender Burnout, drüben gibt es das Thema Trauer, an anderer Stelle langfristige Erkrankung oder Pflegefall in der Familie… Erkennen und Handeln, ansprechen, anbieten, Anteil nehmen… und all das im angemessenen Ausmaß. Schwierig.

Brille 3: Die Führungskraft als Stressor

Chef, sag mal, würdest Du gerne unter Dir arbeiten mögen? Guckst Du morgens in den Spiegel und stellst fest: So sieht eine Führungskraft aus, für die ich selbst mich gerne einsetze?

Reden Menschen über ihre Arbeit, dann verfallen viele in den Canon „Mein Chef hat keine Ahnung und benimmt sich unmöglich.“ Das scheint der Deutschen beliebtestes Hobby zu sein. Oft winke ich sofort ab. Chef-Schelte nervt.

Manchmal allerdings glaube ich auch: Es stimmt.

Führung und Stress: Chef als Stressor

Forschungen zum Thema Macht belegen, was der Volksmund schon lange weiß: Nicht alle können damit umgehen. Viele unterliegen mit zunehmendem Einfluss ganz typischen Denk- und Beurteilungsfehlern (Überschätzung der eigenen Kompetenzen gehört regelmäßig dazu) und zeigen entsprechen unangemessenes Verhalten (weil Regeln ja für andere gemacht sind). Rüpel sind natürlich immer die anderen, ich selbst bin ja ein Querdenker.

Selbstkritik kann helfen. Damit nicht aus dem Thema Führung und Stress das Thema wird: „Meine Führungskraft stresst.“

Wie ist es denn nun wirklich? Bin ich die Person, die andere stresst? Bei der Arbeit stört? Zu viel, zu lange, das Falsche redet? Die unterbricht, Leistungen übersieht, meckert, lamentiert, Schuld nach noch weiter oben verschiebt?

Was ich nicht nachvollziehen kann: Wenn ich von mir selbst weiß, was mich in Rage bringt oder Ohnmachtsgefühle auslöst – wieso überlasse ich dann immer noch diese Fäden meinen Gesprächspartnern oder im Wettkampf gar meinen Gegnern, auf dass sie mich bedienen können wie eine Marionette?

Kinder, Mitarbeiter und gute Verhandler wissen immer sehr schnell sehr genau, welchen roten Knopf sie drücken müssen, um emotionale Entscheidungsträger aus der Fassung zu bringen.

Führung und Stress: Geht das besser?

Ja. Wenn Sie nach klarer Diagnose zu Maßnahmen gelangen.

Individuelle Ansätze könen helfen. Da gibt es sehr schöne Workshops: Gelassenheit statt Hektik, Stress und Burnout.

Wenn Sie die Organisation, Strukturen und Zusammenarbeit verbessern möchten, sind Gesundheitszirkel ein gutes Mittel.

Und wenn Sie – zumindest was die Brillen 2 und 3 anbelangt, mit Ihren Leuten reden, das hilft ebenfalls.

Gewiss auch nützlich: Wenn Sie Gesprächspartner auch für das Blickfeld der ersten Brille finden und etablieren. Beziehungspartner, Profis, Freunde.